AUSDRUCKSMÖGLICHKEITEN WEIBLICHER ERFAHRUNGEN UND DIE TRAUMATISIERTE SPRACHLICHKEIT BEI HERTA MÜLLER

Автор(и)

  • Erika Kegyes Universität Szeged, Нідерланди

DOI:

https://doi.org/10.20535/IWPOK3.2025.art.9

Анотація

Es gilt als ein emotionspsychologisches, aber auch als ein psycholinguistisch anerkanntes Stereotyp, dass sich die weiblich kodierte und aus der weiblichen Perspektive dargestellte Ausdrucksart von Emotionen stark von Ausdrucks- und Wahrnehmungsart männlicher Erfahrungen abweicht (Fries 2007, Fries 2008, Hielscher 2003a, b). Für die literarisch konzipierten Bewältigungsversuche von Trauma-Erfahrungen gilt dieses Stereotyp besonders, da es immer wieder betont wird (vgl. z.B. Seifert 2021), dass der weibliche Blick der Autorinnen die herkömmlichen Funktionen von Sprache zum Ausdruck weiblicher Erfahrungen strategisch anders nutzt, als dies die Männer tun, und besonders zeitgenössische Autorinnen es immer wieder versuchen, die erfahrungstypisch weiblichen Kodierungsverfahren ihrer Protagonistinnen immer wieder umzudeuten und neu zu konstruieren, vor allem mithilfe neuer narrativen, diskursiven oder gattungsuntypischer Sprachmittel. Herta Müller unternimmt auch einen solchen literarischen Versuch. Sie beschreibt die weiblichen Erfahrungen ihrer Protagonistinnen immer aus einem männlichen Blick und dadurch, dass in ihren Texten die Gewalt und deren sprachlichen Ausdrucksformate aus der männlichen Perspektive omnipräsent sind, musste sie sich auf der Textoberfläche auch für die Strategien einer patriarchalischen Sprachordnung entscheiden. Ganz besonders wird das in ihrem Werk Der Fuchs war damals schon der Jäger deutlich, in dem sie unverhohlen "männlich" redet. Die Deutungshoheit des männlichen Blicks (analysiert auch von Bauer 2017) und der männlichen Redeweise lassen dieses Werk aber aus der weiblichen Perspektive wiederum ganz anders interpretieren, und zwar auch im Gesamtwerk von Herta Müller. Es geht hier nämlich um einen einzigartigen Perspektivenwechsel. Herta Müller benutzt das Inventar des männlichen Blicks und der männlichen Rhetorik auf der Oberfläche des Textes dazu, die Unhaltbarkeit patriarchalischer Urteile über Frauen und Weiblichkeit den Frauen selbst ins Auge zu schleudern, um sie tatkräftig dazu zu motivieren, der männlich kodierten Macht und Gewalt aufzulehnen. So ist im Text Der Fuchs war damals schon der Jäger die Symbolik des Fuchsfells auch aus einer ganz bahnbrechenden Perspektive zu deuten: die Verstümmelung des weiblichen Körpers und der weiblichen Seele. Genau aus dieser Perspektive ist es erwähnenswert, dass das Werk Der Fuchs war damals schon der Jäger in zwei ungarischsprachigen Übersetzungen vorliegt. Beide sind von Übersetzerinnen angefertigt, jedoch das Spiel mit dem weiblichen und männlichen Blick bzw. die Entscheidung für die eine oder andere Sicht- und Interpretationsweise produzierten letztendlich eine ganz andere Herangehensweise an den ursprünglichen Text von Herta Müller. Im Beitrag wird thematisiert, wie diese übersetzungsstrategische Entscheidung auf die ganze ungarische Rezeptionsgeschichte des Werkes von Herta Müller auswirkte.

Посилання

Bauer, Karin: Körper und Geschelcht. In: Eke. Norbert Otto (Hrsg.): Herta Müller Handbuch. Stuttgart: Metzler, 2017, 205-313.

Fries, Norbert: Die Kodierung von Emotionen in Texten. Teil 1: Grundlagen. In: Journal of Literary Teory 1,2, 2007, 293-337.

Fries, Norbert: Die Kodierung von Emotionen in Texten. Teil 2: Die Speziizierung emotionaler Bedeutung in Texten. In: Journal of Literary Teory 3/1, 2009, 19–71.

Hielscher, Martina (a): Emotion und Sprachproduktion. In: Rickheit, Gert et al. (Hrsg.): Psycholinguistik. Ein internationales Handbuch. Berlin: De Gruyter, 2003, 468-490.

Hielscher, Martina: Sprachrezeption und emotionale Bewertung. In: Rickheit, Gert et als (Hrsg.): Psycholinguistik. Ein internationales Handbuch. Berlin: De Gruyter, 2003, 677-707.

Seifert, Nicole: Frauenliteratur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt. Köln: Kiepenheuer und Witsch, 2021.

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Опубліковано

2025-12-30